Hausarbeiten.de - Grenzbilder in Carlos Fuentes "La frontera de cristal" (1995) (2022)

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Autor: Carlos Fuentes

3 Zusammenfassung: „La frontera de cristal“

4 Definition des Begriffs der Grenze

5 Grenzen in „La frontera de cristal“

6 Schlussbetrachtung

7 Bibliographie

8 Anhang: „andererseits“ - Lea Bruns

Einleitung

Nicht nur im aktuellen Wahlkampf um die US-amerikanische Präsidentschaft ist sie ein wesentliches, viel diskutiertes und sehr umstrittenes Thema: Die Beziehung von Mexiko und den Vereinigten Staaten und die 3.200 km lange Grenze, die die beiden nordamerikanischen Länder voneinander trennt.

Spätestens seit dem Jahr 2001 herrscht in der US-Politik und auch in der Gesellschaft eine intensive Debatte um den Umgang mit Migration, die sich insbesondere auf die Einwanderung aus Mexiko bezieht. Jedoch ist der Zuzug aus dem südlichen Nachbarland kein neues Phänomen:

Die ersten Immigrationswellen von Mexiko (anfangs aus angrenzenden nordmexikanischen Staaten) in die USA vollzogen sich Ende des 19. Jahrhunderts. Der wirtschaftliche Aufschwung in den Vereinigten Staaten rief einen großen Bedarf an Arbeitskräften hervor und mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden von der US-amerikanischen Wirtschaftslobby vermehrt Menschen aus dem südlichen Nachbarland angeworben, in dem deutlich niedrigere Löhne für mehr Arbeit unter schlechteren Bedingungen gezahlt wurden. Der Arbeitskräftemangel in den USA in Folge des Ersten Weltkriegs und die prekäre Situation in Mexiko während und nach der mexikanischen Revolution (1910-1920) und den Cristero-Kriegen ab 1926 veranlassten weiterhin hunderttausende Mexikaner und Mexikanerinnen zur Flucht gen Norden. Die politische Stabilität und Garantie innerer Sicherheit in den USA sowie die Vertrautheit des ehemaligen eigenen Territoriums stellten in Anbetracht der unsicheren und chaotischen Situation ihres Heimatlandes einen großen Anreiz für viele mexikanischen Bürger innen dar, ihr Zuhause für ein Leben nördlich des Rio Grande zu verlassen. Die Grenze wurde zum „Symbol des Entkommens aus politischer und wirtschaftlicherUnstabilität in Sicherheitund relative Prosperität“ (Christ 1999: 25).

Nach der wirtschaftlichen Depression der Vereinigten Staaten wurden nach dem zweiten Weltkrieg erneut Arbeitskräfte seitens derUSA angeworben, und der signifikante Unterschied der Arbeitsniveaus der beiden nordamerikanischen Länder sorgt bis heute für eine beständige Auswanderung von Mexiko über die Grenze nach Norden.

Die Zuwanderung von Arbeiter innen aus dem Süden in die Vereinigten Staaten bildete 2008 den weltweit größten andauernden Migrationsstrom (vgl. bpb 2008).

Legal in den USA lebende Mexikaner innen stellten im Jahr 2005 mit etwa 27 Millionen Einwohnern die größte Minderheitengruppe des Landes dar und machten damit etwa neun Prozent der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten von Amerika aus (vgl. Stiegler 2005: 209). Hinzu kommt eine Vielzahl an nicht-formalisierten mexikanischen Arbeitskräften, den indocumentados (Pries 1996: 459). Sogenannte remesas, Rücküberweisungen von mexikanischen Gastarbeiter innen aus den USA an ihr Heimatland, bildeten 2005 nach Erdöleinnahmen den zweitgrößten Anteil am mexikanischen Bruttoinlandsprodukt(vgl. Stiegler2005: 214).

Die Länder Mexiko und USA werden auf natürlichem Wege durch den Rio Grande und an vielen Stellen durch einen künstlich errichteten Zaun voneinander abgegrenzt. Neben dieser materiellen Beschränkung trennen die beiden Länder auch eine politische Grenze, eine Sprachgrenze, eine Wohlstandsgrenze und schließlich eine kulturelle Grenze (vgl. Christ 1999: 14). Der „Grenzübertritt von einem Land zum anderen“ (Christ 1999: 13) ist somit nur auf den ersten Blick ein allein physischer, es schließen sich immer auch eine Vielzahl mentaler Grenzüberschreitungen und Hürden an, die es zu überwinden gilt.

Carlos Fuentes ist ein Autor, der sich in seinen Werken und auch privat viel mit dieser Thematik beschäftigt hat. In „La frontera de cristal“, einer von neun miteinander durch einzelne Inhalte und Personen verbundenen Erzählungen aus dem gleichnamigen Roman, behandelt er insbesondere die Problematik der Grenzüberschreitung von Mexiko in die USA und die damit verbundenen Erfahrungen von Fremdheit des Einwandemden in seiner neuen Umgebung.

Im Folgenden wird nach einem kurzen Porträt des Autors und einer Zusammenfassung der Narration „La frontera de cristal“ gezeigt, inwieweit hierbei das Thema der Grenze ein zentrales ist und in welcher Form und auf welcher Ebene es auftritt und eine Rolle spielt. Wie kennzeichnet Carlos Fuentes die Grenzen zwischen mexikanischer und amerikanischer Kultur, welche Bilder von Grenze „zeichnet“ er in „La frontera de cristal“? Hierbei soll nicht nur untersucht werden, wie sich diese im vorliegenden Text zeigen, sondern auch, wie mit ihnen umgegangen wird: Finden Grenzüberschreitungen statt und wie begegnen sich die beiden voneinander getrennten Seiten?

Der Autor: Carlos Fuentes

Carlos Fuentes wurde 1928 in Panama als Sohn eines mexikanischen Diplomaten geboren, dessen Beruf die Familie zu unzähligen Reisen und Umzügen in verschiedene Länder Nord- und Südamerikas veranlasste. Mit 16 Jahren lebte er in Mexiko, dem Land, das später zu einem wesentlichen Thema seiner Werke wird. In Mexiko-Stadt und Genf studierte Fuentes mexikanische Geschichte und Geographie, Jura und Wirtschaftswissenschaften, und er war anschließend als Journalist und Herausgeber in Europa, den USA und Lateinamerika tätig. Ab 1968 lebte der erfolgreiche Autor, der Artikel für internationale Zeitungen wie El Pals, LeMonde diplomatique und die New York Times schrieb, in Paris und arbeitete dort von 1972 bis 1978 als mexikanischer Botschafter.

Später lehrte Carlos Fuentes an namhaften Universitäten, unter anderem in Harvard oder Princeton, und erlangte die Ehrendoktorwürde verschiedener Akademien weltweiti.

Ab 1990 lebte er in London und starb schließlich am 15. Mai 2012 in der mexikanischen Hauptstadti.

Der mehrfach mit renommierten Preisen wie dem Premio Cervantes ausgezeichnete Autor gilt als einer der wichtigsten Repräsentanten der hispanoamerikanischen Literatur (vgl. Demeyer 2014: S.25) und als eine zentrale Figur des lateinamerikanischen Literatur-Booms der 1960er Jahre2. Wesentlichen Einfluss auf seine Werke hatten zeitgeschichtliche politische Themen, insbesondere die Vergangenheit und die gegenwärtige Situation seines Heimatlandes Mexiko sowie die mexikanische Identität2.

Nach seinen ersten bereits erfolgreichen Veröffentlichungen ab 1954 („Los dias enmascarados“) wurde Carlos Fuentes mit „La muerte de Artemio Cruz“ (1962) vergleichsweise früh als Schriftsteller bekannt, und er genießt bis heute über Lateinamerika hinaus große Anerkennung und Wertschätzung. „TerraNostra“ (1975), „Gringo viejo“ (1985) und „Cristobal Nonato“ (1987) sind nur einige seiner unzähligen bedeutenden Werke2. Für seine kritischen Ansichten, mit denen er insbesondere das Franco-Regime gegen sich aufbrachte, und auch für die skeptischen Worte bezüglich der US-amerikanischen Außenpolitik wurde der Autor vielfach geehrt und mit Orden ausgezeichneti.

„La frontera de cristal“ wurde 1995 als Roman herausgegeben. Er besteht aus neun Erzählungen, die neben einzelnen Personen alle die Trennlinie zwischen Mexiko und den USA als zentrales Thema gemeinsam haben2.

Zusammenfassung „La frontera de cristal“

Lisandro Châvez reist in der dritten der neun Erzählungen, die den Titel des gesamten Werkes „La frontera de cristal“ trägt, von seinem Heimatland Mexiko in die Vereinigten Staaten von Amerika, um dort als Fensterputzer Geld zu verdienen. Der 26-jährige Mexikaner ist einer von vielen Vertragsarbeitem, die im Auftrag von Leonardo Barroso über das Wochenende nach New York fliegen. Don Leonardo, selbst aus Mexiko stammend, ist erfolgreicher Geschäftsmann im Bereich der Arbeitsmigration seiner Landsmänner in die USA. Er begleitet seine Angestellten zusammen mit Michelina Laborde im Flugzeug, jedoch reisen er und seine Begleitung im Gegensatz zu den Arbeitern in der ersten Klasse. Zwischen den mit ropa de mezcliHa und sombreros bekleideten Passagieren fällt dem Millionär „alguien distinto“ (Fuentes 1995: 65) auf:

Lisandro stammt aus gut situiertem Hause. Die gewinnbringende Fabrik seines Vaters erlaubte ihm den Besuch von Privatschulen und ermöglichte der Familie ein luxuriöses Leben mit teuren Autos und Urlauben. Durch die Krise und Inflation in Mexiko verloren die Châvezjedoch ihr Vermögen und leben nun im finanziellen Ruin ihres Betriebs. Lisandro will den elenden Verhältnissen in seiner Heimat entkommen, indem er für einen für ihn vergleichsweise guten Lohn über das Wochenende nach New York fliegt und dort die Fensterscheiben von Wolkenkratzern säubert.

Für die mexikanischen Gastarbeiter ist die verschneite amerikanische Millionenmetropole mit ihren riesigen Gebäuden und Menschenmassen wie andere Welt, in der sie unvorbereitet landen und sich zurecht finden müssen.

Lisandro, der seine Höhenangst verheimlicht, wird damit beauftragt, die Fenster eines Büros im 40. Stockwerk in der Park Avenue zu putzen - dem Arbeitsplatz von Audrey. Die frisch geschiedene Amerikanerin ist in der Werbebranche tätig und will den Samstag nutzen, um dem Chaos der Großstadt und insbesondere den Nachstellungen ihres Ex-Ehemanns zu entkommen. Getrennt durch die Glasscheibe bemerken sich Lisandro und Audrey zwar, schenken sichjedoch zunächst keine große Aufmerksamkeit. Nach und nach nehmen sich die beiden aber genauer in Betracht, der Fensterputzer beobachtet von draußen, wie Audrey am Tisch arbeitet und befürchtet, sie zu belästigen. Kurz fühlt diese sich wirklich gestört und von der Arbeit abgelenkt. Doch schnell entwickelt sie Interesse an dem gut und sympathisch aussehenden Mann, der ihre Bürofenster vom Großstadt-Dreck befreit. Sie übermittelt ihm mit Hilfe ihres Lippenstifts ihren Namen, er schreibt im Gegenzug seine Nationalität in die Luft. Die beiden küssen sich durch die Glaswand hinweg, die sie voneinander trennt. Als Audrey ihre Augen öffnet, ist Lisandro bereits verschwunden.

Definition des Begriffs der Grenze

Dass eine eindeutige Definition für „Grenze“ schwierig ist, zeigen schon die drei Varianten, die im Duden für den Begriff angegeben werden. Zum einen kann Grenze eine real existente Trennlinie darstellen, die, wie im ersten Vorschlag des Wörterbuches, in Form eines „(durch entsprechende Markierungen gekennzeichnete[n] Geländestreifen[s]) (...) politische Gebilde (Länder, Staaten) voneinander trennt“5. Ähnlich scheint die weiterhin genannte Abgrenzung von Gebieten verschiedener Eigentümer oder Eigenschaften.

Auf der anderen Seite wird eine „nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher, gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen“5 als weitere Art von Grenze erwähnt.

Injedem Fall hat sie, wie Tomâs Christ feststellt, immer eine „trennende Funktion (...) hinsichtlich zweier Gebiete“ (Christ 1999: 13), seien diese Gebiete geographischer, politischer oder imaginärer/sozialer Natur. Für Lise Demeyer stellt eine Grenze immer einen „espacio del entredos“ (Demeyer 2014: 13) und im Wesentlichen ein „elemento de union y de separacion“ (Demeyer 2014: 54) dar, ein einendes und zugleich separierendes Element zwischen zwei Bereichen.

Grenze bestimmt zum einen, so Christ, die Form des Eingegrenzten und erfüllt damit andererseits auch eine „nach außen gerichtete, gestaltgebende Funktion“ (Christ 1999: 13).

Sie hat immer zwei Seiten: die durch sie voneinander separierten Gebiete, das „Innen“ und „Außen“ und ihre ambivalente Funktion; als formgebendes Element schottet sie voneinander ab, grenzt aus, teilt, segregiert, separiert und beschränkt Räume, die gleichzeitig durch sie geschützt und zusammengehalten werden und ihre Gestalt erhalten und bewahren. Hinsichtlich des zweiten Aspekts betont Demeyer die Notwendigkeit von „herrschenden Grenzen als strukturierendes Element im menschlichen Dasein“ (Demeyer 2014: 14), Rüdiger Gömer misst dem menschlichen Wissen um sie große Bedeutung für seine Selbstbestimmung und das „Ermessen [seines] Selbstwertgefühls“ (Rüdiger 2001: 57) bei.

Grenze steht meist in engem Zusammenhang mit einem Kontrast zwischen Vertrautem und Fremden, sie wirft eine doppelte Bewegung auf; während sich der Blick auf das Andere richtet, wird das Eigene erst bewusst wahrgenommen und konkretisiert (vgl. Demeyer 2014: 54).

Dieses Bewusstwerden des Unterschieds zwischen Fremdem und Vertrautem nennt Tornas Christ „kulturelle Fremdheitserfahrung“ (Christ 1999: 15). Doch was bedeutet_/rewd?

Die andere Seite der Grenze, die nichtunsere, sondern „einem andern eigen“ (Christ 1999: 15) ist, erscheint uns automatisch unvertraut und unbekannt. Fremdheit setzt für Christ einen Gegensatz, eine Differenz, eine Andersheit zu dem uns Vertrauten und Bekannten voraus, die zum einen durch Grenzen entstehen, zum anderen selbst Grenzen schaffen können.

Eine Grenzüberschreitung ermöglicht somit die Wahrnehmung von Fremdheit (vgl. Christ 1999: 16) und das Zusammentreffen mit dem Anderen sorgt für ein Hinterfragen des Eigenen, „pone en tela de juicio nuestro saber, nuestra verdad, nuestras certezas“ (Demeyer 2014: 57).

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Author: Margart Wisoky

Last Updated: 07/01/2022

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